Ein Blick auf die Studie von Michael Gerlich (2025) – und was sie für den Alltag bedeutet
Wer heute eine Frage hat, fragt nicht mehr lange nach – er fragt die KI. Das ist bequem, oft hilfreich und spart Zeit. Aber was passiert eigentlich mit unserem eigenen Denken, wenn wir das Nachdenken zunehmend an eine Maschine delegieren? Genau dieser Frage ist der Forscher Michael Gerlich in einer 2025 in der Fachzeitschrift Societies erschienenen, peer-reviewten Studie nachgegangen.
Was wurde untersucht?
Gerlich befragte 666 Personen unterschiedlichen Alters und Bildungsstands und führte ergänzend qualitative Interviews durch. Erhoben wurden die Häufigkeit der KI-Nutzung, das Ausmaß des sogenannten cognitive offloading – also der Auslagerung von Denkprozessen an externe Werkzeuge – sowie die Fähigkeit zum kritischen Denken, gemessen mit einem standardisierten Instrument (Halpern Critical Thinking Assessment).
Die zentralen Befunde
- Je häufiger die KI-Nutzung, desto niedriger die Werte im kritischen Denken. Die Studie fand eine signifikante negative Korrelation zwischen intensiver Nutzung von KI-Tools und kritischem Denken.
- Der Mechanismus dahinter: cognitive offloading. Der Zusammenhang wird durch die Auslagerung kognitiver Arbeit vermittelt. Wer die KI nicht als Sparringspartner, sondern als Antwortautomaten nutzt, überspringt genau jene mentalen Schritte – abwägen, vergleichen, hinterfragen –, die kritisches Denken trainieren. Das Prinzip ist übrigens nicht neu: Schon 2011 zeigte der berühmte „Google-Effekt" (Sparrow et al., Science), dass wir uns weniger Inhalte merken, wenn wir wissen, wo sie zu finden sind. LLMs verschärfen diesen Mechanismus, weil sie nicht nur Information liefern, sondern gleich die fertige Schlussfolgerung.
- Junge Menschen sind stärker betroffen. Die Gruppe der 17- bis 25-Jährigen zeigte die höchste KI-Abhängigkeit und die niedrigsten Werte im kritischen Denken.
- Bildung wirkt als Schutzfaktor. Personen mit höherem Bildungsniveau behielten trotz KI-Nutzung bessere Kritikdenkwerte – vermutlich, weil sie gelernt haben, Ergebnisse zu prüfen statt sie zu übernehmen.
Wichtig: Was die Studie nicht zeigt
Bevor Alarmismus aufkommt, eine methodische Einordnung: Die Studie ist korrelativ. Sie kann nicht beweisen, dass KI-Nutzung kritisches Denken verursacht abbaut. Denkbar ist auch die umgekehrte Richtung – dass Menschen, die ohnehin weniger gern selbst abwägen, KI-Tools intensiver nutzen. Vermutlich wirken beide Richtungen zusammen. Seriös lässt sich sagen: Es gibt einen belastbaren, gut gemessenen Zusammenhang – und einen plausiblen Mechanismus, der ihn erklärt.
Was heißt das für die Praxis?
Als Psychotherapeut und Coach beobachte ich das Spannungsfeld täglich: Klientinnen und Klienten nutzen KI längst für Entscheidungen, Formulierungen, manchmal auch für emotionale Fragen. Das Problem ist nicht das Werkzeug – es ist die Art der Nutzung. Ein paar praxisnahe Konsequenzen:
Erst selbst denken, dann fragen. Wer vor der KI-Anfrage eine eigene Hypothese formuliert („Ich glaube, die Antwort ist X, weil…"), bleibt kognitiv beteiligt. Die KI wird zum Korrektiv statt zum Ersatz.
Die KI als Gegenspieler nutzen. Statt „Was soll ich tun?" lieber: „Hier ist mein Plan – was spricht dagegen?" So trainiert man Abwägen, statt es auszulagern.
Besonders bei Jüngeren hinschauen. Für Eltern, Lehrende und Ausbildende ist der Befund zur Altersgruppe 17–25 relevant: In der Phase, in der kritisches Denken sich erst konsolidiert, wiegt die Auslagerung am schwersten. Es geht nicht um Verbote, sondern darum, KI-Antworten zum Ausgangspunkt eigener Prüfung zu machen.
Bildung schützt – und lässt sich trainieren. Der Schutzfaktor Bildung ist letztlich ein Schutzfaktor Prüfgewohnheit: Quellen hinterfragen, Alternativen suchen, Widersprüche aushalten. Das ist erlernbar, in jedem Alter.
Fazit
Gerlichs Studie liefert einen der bislang solidesten Hinweise darauf, dass die Bequemlichkeit der KI einen Preis haben kann: Denkmuskeln, die wir nicht benutzen, werden schwächer. Die gute Nachricht: Der Effekt hängt nicht an der Technologie selbst, sondern an unserem Umgang mit ihr. Wer die KI als Werkzeug für das eigene Denken einsetzt – und nicht als dessen Ersatz –, kann von ihr profitieren, ohne kognitiv zu verarmen.
Quelle: Gerlich, M. (2025). AI Tools in Society: Impacts on Cognitive Offloading and the Future of Critical Thinking. Societies, 15(1), 6. https://doi.org/10.3390/soc15010006 (peer-reviewed)
Weiterführend: Sparrow, B., Liu, J. & Wegner, D. M. (2011). Google Effects on Memory. Science, 333(6043), 776–778.